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„Du“ oder „Sie“ in der (Alten-) Pflege?

20/09/2021 15:14:49.




Wie wird man mit dem eigenen Sprachgebrauch dem Spannungsverhältnis zwischen Distanz und Nähe im Verhältnis von Pflegenden und Pflegebedürftigen gerecht?


Das kennt doch wirklich jeder; die Unsicherheit, ob man das Gegenüber Duzen oder doch lieber Siezen sollte. Dabei hat diese Entscheidung nicht zwingend mit der Dauer der Bekanntschaft miteinander zu tun, sondern mit der Art der Beziehung. In unserem neuen Beitrag der Kategorie „Probleme in der Pflege verstehen und bewältigen“ betrachtet Dr. Peter Tonn, Facharzt für Neurologie und Psychiatrie mit langer Erfahrung aus der Visite von Altenheimen vor Ort, die Problematik vom Siezen und Duzen in der Pflege etwas genauer und gibt Ratschläge für ein gelingendes sprachliches Miteinander zwischen Mitarbeitenden in der Pflege und Pflegebedürftigen.
 


Die Bedeutung von Kommunikation
Der Schlüssel zu Beziehung und Verstehen ist eine angemessene und gute Kommunikation. Eine schlechte oder fehlerhafte Kommunikation führt nicht nur zu Missverständnissen, sondern kann auch das Miteinander zwischen den Beteiligten erheblich erschweren oder sogar unmöglich machen. Zum Thema Kommunikation allgemein und speziell in der Pflege gibt es eine Vielzahl von Kursen, Fortbildungen, Ratgebern, etc.

Schwierige Kommunikation ist gerade in der Medizin und Pflege ein häufiger Grund für einen ungünstigen gesundheitlichen Zustand oder Verlauf der zu Pflegenden sowie für psychische Belastung und negative Folgen bei den Pflegenden. Aus diesem Grund ist es unabdingbar, sich immer wieder mit Kommunikation zu befassen und Kommunikationstraining in jeder Hinsicht als wirklich gleichrangig mit Trainings zur Wundversorgung, Ersten Hilfe, Medikation oder Ernährung einzuordnen. 

Kommunikation hat natürlich viele Facetten. In einem ersten Schritt muss zwischen der non-verbalen und der verbalen Kommunikation unterschieden werden, in einem weiteren muss betrachtet werden, welche Botschaften ausgesendet und welche empfangen werden und letztlich müssen noch medizinische Hintergründe, aktuelle Wünsche und Sorgen der Kommunizierenden oder kulturelle Aspekte berücksichtigt werden. Kommunikation ist eine Wissenschaft – und von vielen Menschen wird sie "einfach so" auch ohne wissenschaftliche Reflexion ziemlich gut bewältigt.

Betrachten wir einmal isoliert den Bereich Kommunikation in der Pflege, und hier speziell die Kommunikation mit den zu pflegenden Menschen, dann findet sich ein Aspekt, der sofort ins Auge (oder besser ins Ohr) sticht. Es ist die speziell in der deutschen Sprache wichtige Unterscheidung vom "Sie" und vom "Du". Dabei mag zunächst die Frage aufscheinen, warum das überhaupt ein Thema sei. Schließlich sei doch die "Siez-Kultur" ohnehin am Aussterben und überall, selbst in konservativen Unternehmen, gebe es weit verbreitet das "freundliche Du". Es wird dabei gelegentlich auf ein durch das „Du“ entstehendes Vertrauensverhältnis hingewiesen oder angegeben, dass durch Duzen Hemmschwellen reduziert werden könnten. 


Doch was ist in der Pflege wirklich sinnvoll?
Gerade in Pflege-Settings, in denen ein längeres oder gar dauerhaftes Verweilen der zu Pflegenden als Standard gilt, also in Alten- und Pflegeeinrichtungen, in Einrichtungen zur Versorgung von behinderten Menschen u.a., gibt es nicht selten das Phänomen, dass relativ oft und schnell eine „Duz-Kultur“ entsteht, mithin die zu Pflegenden von den Pflegekräften, aber auch von der Technik, der Hauswirtschaft etc. geduzt werden. Auch umgekehrt passiert das – doch es sollte kritisch hinterfragt werden. 

Also hinterfragen wir mal… 
Im deutschen Sprachgebrauch hat sich seit Jahrhunderten die Regel fixiert, dass in einer engeren (privaten) Beziehung ein "Du" als Zeichen einer gewissen Vertrautheit und von Vertrauen angemessen ist. Das passiert auch im Bereich beruflicher Kontakte schon seit längerem. Dabei ist das "Du" als Ausdruck einer freiwilligen Entscheidung beider Kommunikationspartner zu sehen. Dann ist es ein symmetrisches "Du" – etwa zwischen Kollegen auf einer hierarchischen Ebene, zwischen Vereinsmitgliedern oder Sportclubteilnehmern. Ebenso ist ein symmetrisches "Du" ganz üblich in der Partnerschaft, zwischen Freunden oder guten Bekannten. 

Daneben gibt es einseitige Vorgaben zum Duzen durch einen der Kommunikationspartner. Hier dient das "Du" dazu, eine Machtposition oder die Einseitigkeit der Beziehung zu dokumentieren. Dieses "Du" wird zum Zeichen der Respektlosigkeit. Kinder werden von Erwachsenen geduzt, die Erwachsenen wollen aber gesiezt werden. Mitarbeiter in nachrangiger Stellung werden geduzt, während die Leitungskraft im Gegenzug gesiezt werden will. 

Neu ist die Variante des Duzens im öffentlichen Kontext (z.B. das "Ikea-Du") oder als "Firmenkultur". Hier soll das "Du" ein Vertrauen oder eine Vertrauenswürdigkeit simulieren, die keinesfalls immer im Interesse aller Beteiligten liegt. Auch dieses "Du" ist also nicht selten ein asymmetrisches. Gerade im geschäftlichen Kontext soll das "Du" ja gern den Anstrich von Weltoffenheit und Innovationsinteresse geben, soll zeigen, dass Hierarchien nicht relevant sind, etc. Doch wird durch Duzen keine Firmenkultur besser und keine Hierarchie abgebaut, es wird kein Unternehmen von alleine moderner, weil sich jetzt alle duzen.  

Aber ist ein "Sie" nicht wirklich altbacken?
Es mag den Anschein erwecken, dass durch den Gebrauch des "Sie" eine Distanz geschaffen wird, dass das "Sie" eher altbacken und großväterlich wirkt, dass die "Siez-Kultur" aus der Zeit gefallen sei. In früheren Jahrhunderten wurde aus dem "Du" im deutschsprachigen Raum mit Respekt die Pluralform, das "Ihr" (2. Person), aus dem sich im Lauf der Zeit dann das "Sie" (3. Person Plural) entwickelt hat. Wir reden mit dem "Sie" also unser Gegenüber mit einer Mehrzahl an, meist ohne dass wir das wissen, und vermitteln damit unseren Respekt. Früher wurden etwa auch die Eltern gesiezt ("Herr Vater" oder „Frau Mutter"). 

Ganz oft wird eine Analogie zum Englischen gesucht und festgestellt, man könne sich auf Englisch doch auch im "Du" oder korrekter im "you" sehr distanziert unterhalten. Dabei werden aber zwei Aspekte übersehen. Der wichtigste ist, dass im Englischen nicht etwa das "you" mit "Du" korrekt zu übersetzen ist, es handelt sich nämlich um die 2. Person Plural; das entspräche unserem "Ihr", der sehr alten Form der höflichen Anrede ("Was wollt Ihr heute essen?"), die im Deutschen über die Jahrhunderte zum "Sie" (3. Person Plural) geworden ist. Im Englischen wird also nicht durchgehend geduzt, sondern allenfalls gesiezt. Zum anderen kann man feststellen, dass sich in der englischsprachigen Kultur durchaus "Ersatzmechanismen" entwickelt haben, mit denen sich sehr wohl Abstand und Distanz oder Nähe und Vertrautheit non-verbal aber auch verbal sprachlich abbilden lassen. Diese Kultur, nicht durch die Anrede, sondern begleitende Parameter Nähe oder Distanz zu verdeutlichen, fehlt uns im Deutschen – und wir brauchen das auch eigentlich nicht, denn wir haben ja das "Sie" und das "Du". 

Eine Duz-Kultur gibt es übrigens weder in Frankreich noch in Holland oder Belgien – die Anreden hier sind deutlich distanziert, zum Teil noch förmlicher auch innerhalb von Kreisen vertrauter Menschen. Nur in den skandinavischen Ländern ist die Duz-Kultur tatsächlich allüberall präsent. Das "Sie" ist somit also keineswegs altbacken, sondern ein Ausdruck von Distanz, Höflichkeit und Respekt. 

Warum ist das "Sie" in der Pflege so wichtig?
Es gibt aus unserer Sicht in der Pflege zwei relevante Probleme, die aus Sicht der Kommunikation und der Kommunikationserfordernis zu berücksichtigen sind. Das sind zum Einen die Aufgaben der Pflege selbst, zum anderen die Wahrnehmung der Pflegenden. Beide sind so wichtig, dass sich eine Duz-Kultur zwischen den zu Pflegenden oder den Angehörigen und den Pflegekräften eigentlich von selbst verbietet. Doch der Reihe nach. 
junger Pfleger hilft älterem Mann in den Rollstuhl
Die Aufgaben der Pflegekräfte
Von (erwachsenen) Menschen wird in unserer Gesellschaft erwartet, dass sie sich um sich selbst kümmern können. Sich waschen, pflegen, ankleiden, um Nahrung kümmern etc. – all das soll man als Erwachsener allein erledigen – und kann das in der Regel auch tun. Kommt es zu einer Erkrankung oder liegt eine Einschränkung der Fähigkeit zur Selbstversorgung vor, dann bedarf es einer Unterstützung. Pflegekräfte leisten diese Unterstützung eben in pflegerischer oder gesundheitlicher Hinsicht. Sie übernehmen auf Zeit oder sogar dauerhaft Aufgaben im Alltag des zu pflegenden Menschen, die dieser nicht mehr allein ausführen kann. Das kann eine pflegerische Versorgung auf der Intensivstation sein, das kann die Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme auf einer Schlaganfall-Therapiestation sein oder die Umsetzung nahezu aller Angelegenheiten in einer Pflegeeinrichtung für dementiell Erkrankte oder vieles mehr. 

Diese Aufgaben erfordern in vielen, wenn nicht in allen Fällen die Überwindung der sonst zwischen Erwachsenen üblichen Distanz – am deutlichsten vielleicht dann erkennbar, wenn es um die Sicherstellung der körperlichen Hygiene geht. Die Säuberung im Intimbereich ist eine Hilfestellung, die die meisten Erwachsenen nicht einmal vom Partner in Anspruch nehmen würden. Nun kommt ein fremder Mensch, um dies zu tun. Viele andere Aufgaben sind vielleicht weniger schambesetzt oder distanzverletzend, aber nicht weniger "nah". 

Doch bei aller Hilfsbedürftigkeit darf die Menschenwürde nicht übersehen werden – im Gegenteil ist die Aufgabe, die Würde des Augenblicks zu wahren, um so größer, um so dichter und näher die Pflegekraft dem zu pflegenden Menschen kommt. Wie aber kann man eine solche Würde besser und einfacher umsetzen, als durch einen respektvollen sprachlichen Umgang. Es ist völlig klar, dass über die eigentliche Arbeit am Menschen keine Witze gemacht werden. Es ist aber leider weniger klar, dass das "Du", welches in vielen Fällen als Ausdruck des Vertrautseins gebraucht wird, eben nicht das "Du" ist, das zwischen gleichberechtigten Partnern, zwischen Freunden oder im Sportclub genutzt wird, sondern ein asymmetrisches "Du", das viel eher so ist, wie zwischen Kindern und Erwachsenen. Auch wenn der zu pflegende Mensch zurück-duzt stellt das keine Symmetrie her. Die Pflegekraft wird sich nicht nackt ins Bad zum dem gerade im Intimbereich gewaschenen Pflegebedürftigen stellen – und das ist auch gut so. Dieses Bild zeigt genau die Asymmetrie auf und zeigt, dass es eben nicht um Vertrautsein in beider Richtung geht, sondern um eine sehr einseitige Wahrnehmung eines "Pseudo-Vertrautsein".
 
Würde wird dem Prozess des Pflegens, den Aufgaben der Pflege nicht durch ein "Pseudo-Vertrautsein" gegeben, bei dem dann letztlich eben doch keine echte gemeinsame Gleichrangigkeit entsteht, sondern Würde erhält der Prozess des Pflegens einerseits natürlich durch die professionelle Ausführung, andererseits durch die Bewusstmachung des Abstands zwischen der Pflegekraft und dem zu Pflegenden. 

Die Asymmetrie in der Beziehung wird durch das "Du" wie zwischen Erwachsenen und Kindern nur verstärkt, durch das "Sie" hingegen wird die Würde, die Anerkennung des Wertes des anderen betont. Der Pflegeprozess fordert in der Kommunikation Klarheit in allen Ebenen – in der Sachebene wird das durch gute Beschreibung dessen, was getan wird, erreicht, in der Beziehungsebene durch eine klare Distanzierung des Menschen "Pflegekraft" von der Handlung, etwa "Waschung im Intimbereich", durch die Nutzung des distanzierten und respektvollen "Sie". 

Was ist mit der Beziehungsebene?
Immer wieder kommt es zu Übergriffen zwischen den zu Pflegenden und Pflegekräften. Angehörige werden als aggressiv oder fordernd wahrgenommen. Pflegekräfte fühlen sich nicht respektiert, nicht wertgeschätzt. Die Beziehungsebene zwischen den Menschen in der Pflege und den Menschen, die diese Dienstleistung in Anspruch nehmen, ist oft genug von dem Gefühl der Respektlosigkeit und der Distanzlosigkeit geprägt. 

Das Gefühl, dass Angehörige selbst die Pflege eines kranken oder beeinträchtigten Menschen "eigentlich" selbst übernehmen könnten, aber aufgrund von Zeit oder Ressourcen das gerade mal delegieren, führt dazu, dass die Leistung und die Arbeit der Pflegekräfte nicht wertgeschätzt wird. Es wird übersehen, dass Pflegekräfte ihren Beruf erlernt haben, viele Informationen zur richtigen Versorgung der zu Pflegenden gelehrt bekommen, manuelle Geschicklichkeit, Verständnis für den Körper, Umgang mit Medikamenten und vieles mehr erforderlich ist, um als Pflegekraft arbeiten zu können. Respekt gegenüber der Pflege ist ein Mangel, der immer wieder so deutlich zu sehen ist, dass man es mit den Händen greifen könnte. Dabei macht es schon einen Unterschied, wie akut der Pflegebedarf ist. Ist es eine echt dringende Situation, kommt es durchaus zu respektvollem Umgang – weil deutlich wird, dass jetzt und hier eine professionelle Unterstützung wirklich Not tut. Im weiteren Verlauf, wenn aus dringend eher gewohnt wird, schleift sich rasch eine Haltung ein, die vor allem Forderungen zur Individualversorgung laut werden lässt, ohne anzuerkennen, dass eine professionelle Pflege in der Regel mehr als einen Patienten versorgt. 

Dann werden Erwartungen laut, die genau die mit dem "Du" verbundene Vertrautheit als Grundlage haben – etwa zu Lieblingsessen des zu Pflegenden, zu biografischen Details, zu seiner Einstellung zu diesem oder jenem. Und es kommt zu einem Verlust von Distanz, der einhergeht mit Verlust an Wertschätzung und Respekt. Daraus folgen dann bei den zu Pflegenden, etwa Menschen mit dementiellen Entwicklungen, Verhaltensauffälligkeiten, die bis hin zu Grabschen oder Fummeln gehen, bei Angehörigen durchaus Schreien, Fordern und aggressive Sprache oder gar aggressiven Handlungen. 

Respekt und Anerkennung ist am einfachsten durch die Anwendung von Sprache zu erreichen und zu zeigen. Höfliches Sprechen erlaubt auch, Wünsche und Hoffnungen zu äußern, aber eine höflich vorgetragene Aggression ist doch sehr schwierig. Von daher ist sowohl gegenüber den zu Pflegenden als auch gegenüber den Angehörigen ein deutliches Bekenntnis zu Siez-Kultur in der Pflege ganz wichtig. Kaum jemand würde an den Bankschalter gehen und mit einem lauten "Du" verlangen, dass nun mal 100 Euro über den Tresen geschoben werden. Auch den Automechaniker würden nur wenig Menschen mit einem kräftigen "Du" auffordern, jetzt endlich das Klappern am Auspuff zu fixieren. Nur die Pflegekräfte werden geduzt, als sei es völlig normal. 

Zusammenfassend ist festzustellen, dass es viele gute Gründe gibt, warum das "Du" im beruflichen Alltag im Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen gut funktioniert, aber gerade in der Pflege das "Sie" als Ausdruck von Distanz, Wertschätzung und Würde sowohl durch die Pflege gegenüber den zu Pflegenden als auch in der Ansprache der Pflege sehr wichtig und wertvoll ist. Respekt und Anerkennung ist einfacher mit einem "Sie" verbunden. 

Eine mögliche Kompromissformel kann übrigens das "Hamburger Sie" sein, bei dem der Vorname mit einem "Sie" kombiniert wird. Hier wird durch den Vornamen zumindest eine gewisse Beziehung aufgebaut, gleichwohl bleibt durch das "Sie" die Distanz erhalten. 

In unseren Kommunikationsfortbildungen befassen wir uns mit all diesen Aspekten immer wieder und versuchen, die Bedeutung von Respekt und Resilienz als Ressource zu schärfen. Die Kommunikation ist von daher in vielerlei Hinsicht ein mindestens so wichtiges Werkzeug für Pflegekräfte, wie gutes Wundmanagement oder Kenntnisse von Ernährung und Medikation. 

 


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