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Konflikte mit Angehoerigen: Im Voraus professionell reagieren

13-10-2020.




Wie Sie als Pflegekraft mit angespannten, fordernden und schwierigen Angehörigen umgehen, um sich selbst zu schützen und die Situation zu entlasten:

Konflikte zwischen Pflegekräften und Angehörigen von Patienten und Bewohnern sind häufig und für Pflegekräfte gesundheitsschädlich. Immer wieder kommt es zu Diskussionen und (verbalen) Auseinandersetzungen zwischen Pflegekräften und Angehörigen von Patienten oder Bewohnern. Da unterscheidet sich die Situation im Pflegeheim nicht von der auf der Intensivstation. Und immer wieder hinterlassen solche Erlebnisse bei den beteiligten Pflegekräften ein ungutes Gefühl, ein Gefühl von Belastung und Anspannung. Es gibt mittlerweile Untersuchungen, die zeigen, dass Pflegekräfte, die besonders oft in Auseinandersetzungen mit Angehörigen verwickelt sind, ein erhöhtes Risiko für die Ausbildung einer Angststörung oder eines Burnout-Syndroms haben. Körperliche Auseinandersetzungen sind zum Glück selten, kommen aber gerade in Notaufnahmen durchaus auch vor. In diesem Beitrag soll es aber vor allem um die verbalen Auseinandersetzungen und Konflikte gehen.

Verschobene Rollenbilder verstehen

Um zu verstehen, was hier genau passiert, ist ein systemischer Ansatz wichtig – die Beteiligten stehen für unterschiedliche Rollen und unterschiedliche Bezüge zum Patienten oder Bewohner. Das ist schon lange so, es ist schon lange auch in wissenschaftlicher Diskussion, aber durch die Corona-Zeit noch verdeutlicht: Während die Angehörigen sich formal dem Patienten oder Bewohner „näher“ fühlen, weil sie eben verwandt sind, erleben sich die Pflegekräfte in der gelebten Realität viel näher. Sie sind es, die dem Patienten oder Bewohner Hilfe leisten bei alltäglichen Verrichtungen, aber vor allem bei der Genesung. Sie sind es, die gerufen werden, wenn ein Problem auftritt. Sie sind es, die sich ganz praktisch um den Menschen und sein Wohlergehen „kümmern“ – und sie sind es, die verantwortlich gemacht werden, wenn etwas nicht rund läuft. 

Die Familienangehörigen hingegen sind weiter weg. Sowohl die körperlichen Pflegemaßnahmen als auch das, was wir mit dem Begriff der „Umsorgung“ gut beschreiben können, finden in der Familie zwischen Erwachsenen selten und wenn, dann nur episodisch statt. Stattdessen sind Aufgaben und Verantwortungen vergeben und zugewiesen, die sich mit der innerfamiliären Rolle des Einzelnen definieren lassen. Hier etwa (in einem etwas altertümlichen, gleichwohl immer noch oft gelebten Setting) die Rolle des „Ernährers“, der „mütterlichen Zuwendung“, des „Kindes“ (selbst bei erwachsenen Kindern). Auch schwierigere Rollen, etwa des „gewalttätigen Vaters“ oder der „schlagenden Mutter“ sind im familiären Kontext definiert und oft lange Jahre gelebt.

Durch die Aufnahme in einer Klinik oder Pflegeeinrichtung wird dem Patienten oder Bewohner seine eigene Rolle innerhalb des Familiensettings weggenommen – sie entfällt zumindest vorübergehend, manchmal auch auf Dauer. Die anderen Familienmitglieder hingegen sehen sich mit einem Rollenwechsel konfrontiert – eben noch der vom Vater dominierte Sohn, nun der über den dementen Vater bestimmende Vollmachtnehmer. Eben noch die Mutter, die alle unterstützt oder bestärkt hat, jetzt ein Mensch, der an der Beatmungsmaschine angeschlossen ist und nicht einmal mit den Augen zucken kann. Diese Bilder ließen sich in großer Anzahl fortsetzen und sie zeigen, welche Transfer-Leistung von Angehörigen oftmals verlangt wird, wenn ein Mensch kurzfristig oder langfristig in eine Klinik oder ein Heim verbracht wird.

Was löst das beim Angehörigen aus?

  • Schuldgefühle – warum hat es den Vater getroffen, der doch eh schon so klapprig war? Aus professioneller Sicht ist das einfach zu beantworten. Eben weil der Vater schon so klapprig war. Doch ein emotionales Verstehen dieses Zusammenhangs ist schwer möglich, selbst wenn ein inhaltliches Erkennen gegeben ist.
  • Siegesgefühle – endlich hat auch mal die übermächtige Mutter was abbekommen. Immer wieder hat sie alle gequält und schlecht behandelt. Wie gut, dass sie dort am Beatmungsgerät liegt. Solche Gefühle werden in der Regel nicht ausgehalten, sondern auch zu Schuldgefühlen.
  • Trauer – warum muss der geliebte Mensch, mit dem man jahre- und jahrzehntelang zusammen gewesen ist, so leiden?
Viele andere Emotionen, Gefühle, Gedanken werden ausgelöst, wenn ein Familienmitglied in die Klinik kommt oder ins Heim muss. Verbunden mit dem oben beschriebenen Aspekt der Distanzierung, die oftmals als „Degradierung“ erlebt wird (nach dem Motto, „wir hier kümmern uns jetzt mal richtig um ihren Angehörigen“) oder gar als Ausschluss, gerade bei Heimbewohnern („wir hier sind jetzt sein zuhause/seine Familie“), entstehen aus solchen unangenehmen und belastenden Gefühlen Kompensationsstrategien. Das können sogenannte „reife“ Kompensationsstrategien sein, die es den Familienangehörigen erlauben, mit der Trauer, der Schuld oder der Belastung umzugehen, die Situation zu akzeptieren und letztlich sich damit zu arrangieren. Nicht selten kommt es aber zu „unreifen“ Mechanismen. Es werden Ansprüche formuliert, Forderungen geäußert, Vorwürfe tauchen auf. Es fällt den Angehörigen schwer, sich mit der aktuellen Situation, mit dem Zustand und der Entwicklung des Patienten oder Bewohners zu arrangieren und zu akzeptieren. So kommt es dann oft zu den Schlussfolgerungen: Körperliche Symptome (die auch früher vielleicht schon mal da gewesen waren) – sollte die Pflege da einen Fehler gemacht haben? Ungepflegte Erscheinung (bei einem Menschen, der sich auch früher nur 1-2 mal im Monat geduscht hatte) – wird hier etwa nicht auf Körperpflege und Hygiene geachtet? Gewichtsverlust in 3 Wochen (auch vorher gab es schon Gewichtsverlust, hat nur niemand gewogen) – da stimmt doch was mit der Ernährung nicht!

Rechtzeitig professionell agieren

Es ist für Sie als Pflegekraft wichtig, dass sie sich diese Hintergründe bewusst machen, wenn ein Gespräch mit Angehörigen zu einem Konflikt zu werden droht. Wenn sich ein solcher Konflikt andeutet, ist es noch nicht zu spät, um gut zu reagieren und dann den Konflikt abzuwenden. Das geht – mit ein wenig Aufwand. Dieser Aufwand ist aber gerechtfertigt, denn den Konflikt zu ertragen, durchzukämpfen und am Ende (vielleicht) zu gewinnen, kostet um ein Vielfaches mehr an Energie und Aufwand, als gleich zu Beginn ein paar einfache Aspekte zu beachten und den Konflikt zu entschärfen, ehe er eskaliert.

 

Diese Aspekte sind besonders wichtig:
  1. Agieren als Team:
    Alle im Pflegeteam müssen eine einheitliche Verhaltensregel für den Umgang mit Konflikten mit Angehörigen verfolgen – sonst spielen Angehörige leicht eine Pflegekraft gegen die andere aus. Dann entstehen die Konflikte im Team, was auch nicht besser ist, als Konflikte mit Angehörigen.
  2. Eindeutige Kommunikation:
    Es ist ganz wichtig, eine klare Sprache zu sprechen – ohne dass dies arrogant oder aggressiv wirkt. Beim Angehörigen muss erkennbar werden, dass seine Position, seine Bedürfnisse und Ansichten erkannt worden sind und berücksichtigt werden. Gleichzeitig ist es erforderlich, die pflegerischen Bedürfnisse und Aspekte des Patienten und Bewohners im Auge zu haben und genau diese dem Angehörigen zu vermitteln, um dann die Positionen abzuwägen und deutlich zu formulieren.
  3. Verständnis fördern:
    Regeln, Verhaltensmuster, Anordnungen etc. müssen verstehbar und erklärbar sein. Nur zu sagen „das machen wir immer so“ reicht nicht aus, sondern erzeugt beim Gegenüber das Gefühl, dass man nicht individuell, sondern schematisch arbeitet. In Kombination mit den beschriebenen Gefühlen (Schuld, Trauer, Schmerz, etc.) entsteht aus so einer Kombination dann eben doch das Bedürfnis nach einem Ventil und ein Konflikt entsteht.
  4. Gleiche faire Regeln vermitteln:
    Regeln und Verhaltensmuster, die den Angehörigen vermittelt werden, müssen einheitlich sein – es muss im Team klar sein, wer wieviel Besuch bekommen soll, wie mit Körperpflege bei unwilligen Menschen mit Demenz umgegangen wird etc. Ganz problematisch ist, wenn Angehörige auch hier Schwester X gegen Pfleger Y ausspielen, weil bei der einen geht, was der andere verbietet. 

Nach einem Gespräch mit einem Angehörigen – egal, ob es in einem Konflikt endete oder ein Konflikt entschärft werden konnte – muss das im Team kommuniziert werden. Besonders, wenn sich daraus Konsequenzen ableiten lassen („Herr M. wird nun drei mal am Tag von seiner Tochter N. besucht“ oder „Frau K. bekommt nun einen Pudding abends extra….“). Ansonsten sind der nächste Gesprächsinhalt und die Konflikte nahezu vorprogrammiert. Konflikte sind gesundheitsschädlich Und nun zur Frage, ob Konflikte wirklich „krank“ machen – ja, das tun sie. Es gibt eine Datenlage in den wissenschaftlichen Arbeiten, die zeigt, dass etwa nach Konfliktgesprächen mit Angehörigen bei Pflegekräften der Stresslevel ansteigt bis in einen Bereich, wie er auch bei „aufregenden“ pflegerischen Maßnahmen, etwa der Unterstützung bei einer Reanimation oder einem unerwarteten Krampfanfall bei Patienten etc. vorliegt. Durch die „eigentlich“ nicht unmittelbar einem medizinisch-pflegerischen Thema zuzuordnende Problematik baut sich der Stresslevel nach einem Konfliktgespräch aber schlechter und langsamer ab. Damit ist die Auswirkung eines solchen Gesprächs einerseits hoch, andererseits langandauernd. Beides sind Grundbedingungen für die Entwicklung einer psychischen Reaktion. Gerade in Kombination mit den anderen Risikofaktoren für psychische Probleme bei Pflegekräften, etwa Nachtschichten, der Belastung durch die „echten“ medizinisch-pflegerischen Aspekte, der Anforderungen durch die Patienten / Bewohner selbst, der Probleme, die im Rahmen der Teamkonstellation auftreten etc. sind solche zusätzlichen Stressoren als besonders gefährlich einzustufen. Von daher ist es enorm wichtig, sich hier nicht zusätzlich belasten zu lassen. Allein durch den „kontrollierten“ Umgang mit auf „Konflikt gestimmten“ Angehörigen ist eine deutliche Entlastung schon erreichbar. Das kann auch geübt und in Kursen und Workshops gelernt werden.

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Süßes oder Saures? Halloween in Zeiten von Corona

30-10-2020.




Das passende Fest für den richtigen Anlass

Halloween ist der Abend vor Allerheiligen und wird seit Jahrhunderten in Irland, später auch in den USA und Kanada und letztlich seit etwa 30 Jahren von dort „exportiert“ auch in Deutschland gefeiert. Die Idee des Festes ist eine Mischung aus Sommerendfest, Gedenken an die Toten, wie zu Allerheiligen und Allerseelen, Vertreibung von inneren Ängsten und äußeren Bösewichten und überhaupt die Idee, vor dem herannahenden Winter noch einmal eine wirklich wilde Feier zu veranstalten. Auch wenn dieses Fest in der irischen Renaissance den Kelten als Urheber zugeschrieben wird, so wird das doch eher bezweifelt – es ist am ehesten eine Mischung aus gesammelten keltischen Ideen und Abläufen mit christlich-katholischen Terminen und den Hoffnungen und Befürchtungen einer einfachen, ungebildeten Landbevölkerung.

Todesengel vs. Pflegeheld - Was hat Halloween mit der Pflege zu tun?

Zu Halloween wird der Toten gedacht, in einer eher schrillen, skurrilen und oftmals auch schaurigen Variante. Kindern und Erwachsene verkleiden sich dem dem Anlass gerecht – als Tod, als Teufel, aber auch als Hexe und Zauberer oder als Gespenst. Nicht selten finden sich auch Verkleidungen, die einen Schutz vor den Toten und dem Tod oder eine Abwehr des Sterbens demonstrieren sollen.  Die „todbringende Krankenschwester“ ist in den letzten Jahren immer wieder als Halloween-Figur aufgetreten, Kostüme gab es fertig zu kaufen oder sie wurden liebevoll gebastelt. Der Todesengel der Pflege. Damit wurde – bewusst oder unbewusst – eine Bezugnahme hergestellt zu den wenigen Pflegekräften, die ihren Beruf besser nicht ausgeübt hätten, weil sie Patienten schadeten oder diese gar aktiv umbrachten. In den letzten 100 Jahren wurden ungefähr 40 Pflegekräfte beschrieben, die im Berufskontext zu Mördern und Mörderinnen wurden.

Noch viel deutlicher sind aber mit diesen Kostümen jene Menschen verunglimpft worden, die seit 20 oder 30 Jahren in der westlichen Zivilisation, unserem aufgeklärten und ach so fortschrittlichen Teil der Welt, die einzigen gewesen sind, die bei den Todkranken und Sterbenden ausgeharrt haben, diejenigen, die tatsächlich einem fremden Menschen am Ende seines Lebens das letzte Lächeln, den letzten Händedruck und die letzte Streicheleinheit gegeben haben. Die Helden der Pflege.

Süßes oder Saures?

Heute ist wieder Halloween. Mehr als in den letzten Jahren, mehr als wir alle uns erinnern können, wird es ein Fest der Toten, der Sterbenden sein. Weltweit sterben Menschen an vielen Erkrankungen, doch in diesem Jahr werden viele Menschen an einer Infektion mit einem bösartigen Atemwegsvirus sterben. Die einzige Halloween-Verkleidung, die in diesem Jahr angemessen wäre, ist, sich einmal für ein paar Stunden als Pflegekraft anzukleiden – einschließlich des atmungsinaktiven Schutzanzuges, in dem schon nach 20 Minuten der Schweiß vom Rücken in einer langen Bahn bis zum Gesäß rinnt, einschließlich einer FFP-2-Maske, bei der jeder Atemzug schmerzt, weil man die Luft einsaugen muss, wie mit einem Strohhalm, einschließlich des Plexiglasvisiers, dessen Kopfhalterung spätestens nach 30 Minuten wie ein Schraubstock den Kopf zu erdrücken scheint.

Alle Halloween-Feiern sind abgesagt. Es wäre auch zu schaurig, wenn kleine, als Tod verkleidete Kinder an zahlreichen Haustüren klingeln und neben den netten Sprüchlein auch ein Viruslein daließen. Oder die Süßigkeiten auch noch mit Corona verziert überreicht werden. Es wird wohl vor allem Saures geben, dieses Jahr. Das Süße heben wir uns auf für die Tage nach Corona.

Erinnern wir uns an den Ursprung. Halloween wurde gefeiert, um die bösen Geister des Winters zu erschrecken und zu verhindern, dass sie in der dunklen Jahreszeit zu viel Macht bekommen. Und es wurde am Vorabend der Tage gefeiert, an denen wir der Verstorbenen gedenken und uns erinnern. Kaum ein anderes Fest passt besser in diese Zeit als Halloween.

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Herbstmüdigkeit

22-10-2020.




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Licht ins Dunkel bringen - 6 Tipps gegen Herbstmüdigkeit

Draußen wird es ungemütlicher, die Tage werden kürzer und die Menschen wiegen sich in Melancholie – der Herbst ist da. Viele werden in der ankommenden dunklen Jahreszeit begleitet durch schlechtere Laune und einen veränderten Antrieb. Dies hängt unter anderem mit der veränderten Lichteinwirkung zusammen. Man geht morgens im Dunklen zur Arbeit und kommt im Dunkeln wieder nach Hause. Dabei bekommen wir zu wenig Tageslicht ab. Vor allem in Berufsfeldern, wie zum Beispiel in der Pflege und in Krankenhäusern, dessen Arbeitszyklen in Schichten eingeteilt werden, kommen Arbeitnehmer zu selten ans Tageslicht. Wir erklären euch welche Auswirkungen die veränderte Jahreszeit auf unseren Gemütszustand hat und geben Tipps wie man „Licht ins Dunkel“ bringen kann.

Welche Mechanismen stecken hinter Herbstmüdigkeit und Winterdepression?

Die Lichtrezeptoren im menschlichen Auge bekommen im Herbst und im Winter weniger Licht ab – teilweise nur die Hälfte von dem, was an klaren Sommertagen ankommt. Durch die geringere Lichteinstrahlung nimmt die Konzentration ab und die Müdigkeit zu. Menschen kommen in den Wintermonaten in einen „Energiesparmodus“, d.h. die Leistungsfähigkeit nimmt ab. Das hängt mit der verminderten Aktivität der Fotorezeptoren in den Nervenzellen der Netzhaut zusammen, die durch Licht stimuliert werden. Diese Rezeptoren senden Signale an einen Bereich im Gehirn, der als „innere Uhr“ bezeichnet werden kann, die den Tag/Nacht-Körperrhythmus bestimmen. Wenn die „innere Uhr“ über längere Zeit im Herbst und Winter mit weniger Lichtsignalen stimuliert wird, stellt sich der Körper auf Winter ein und die Leistung nimmt ab, sowie die Müdigkeit zu (1). Sobald gewisse diagnostische Kriterien erfüllt sind, wie zum Beispiel ein zeitlicher Zusammenhang mit einer bestimmten Jahreszeit, die Symptome zu einer anderen Jahreszeit verschwinden und depressive Episoden in den letzten zwei Jahren auftraten, die einen saisonalen Bezug hatten (3) und  Leidensdruck entsteht wird der veränderte Affekt pathologisch. Unter diesen Umständen ist im Fachjargon die Rede von einer saisonalen abhängigen affektiven Störung (SAD), auch bekannt unter dem Begriff „Winterdepression“ (2, 3). Sind die Symptome der saisonalen affektiven Störung nur unterschwellig und besteht kein Leidensdruck bei den Betroffenen, ist die Rede von einer subsyndromalen saisonalen affektiven Störung (S-SAD) (4). Die S-SAD stellt kein klinisches Störungsbild dar und ist auch bekannt unter dem Begriff „Herbstmüdigkeit“ bekannt. Um der „Herbstmüdigkeit“ zu entkommen werden Interventionen diskutiert, wie z.B. das Aufhellen von Innenräumen durch Licht mit hohem Blauanteil, da Lichtrezeptoren vor allem auf die Wellenlängen des blauen Lichts reagieren. In den Abendstunden ist Licht mit weniger Blauanteil ratsam – es signalisiert, dass Abend ist und somit macht es müde.

Um herauszufinden, wie sich die Herbstmüdigkeit bei Personen, die in der Pflege und damit in Schichten arbeiten auswirkt, haben wir zwei Kinderkrankenschwestern interviewt.

Spüren Sie einen Unterschied/Einfluss des Herbstes und Winters auf die Stimmung, Aktivität etc.?

Hanna: Den Einfluss des Herbstes und Winters spüre ich besonders in meiner Aktivität. Ich bin morgens sowie abends müder und antriebsloser als im Sommer. Am Tagesanfang fehlt mir oftmals die Motivation für die anstehende Arbeit. Meine Stimmung hat sich während des Herbstes nicht maßgeblich verändert.

Mia: Ja, das ist bei mir genauso. Vor allem die Kälte und frühe Dunkelheit wirken sich an manchen Tagen auf meinen Antrieb und Stimmung aus

Gibt es Ihrer Ansicht nach Besonderheiten in Bezug auf den Pflegeberuf (mit Schichtarbeit o.ä.)?

Hanna: Aufgrund der Schichtarbeit gibt es oftmals Tage, an denen man zu Zeiten der Herbst- und Wintermonate kaum Tageslicht sieht, oder nicht zu Tageslicht aufwacht. Das verstärkt meine Müdigkeit beim Aufstehen und Motivationslosigkeit am Morgen.

Mia: Ja. Ich fühle mich auch müder und habe das Gefühl, dass an Arbeitstagen kaum mehr Zeit vom Tag bleibt. Und wenn man im Winter mehrere Nachtdienste hintereinander hat, sieht man für diese Tage kein oder nur noch wenig Tageslicht: Man fährt im Dunklen zur Arbeit hin, legt sich morgens im Dunklen schlafen und auch nach dem Aufwachen ist es meist schon wieder dunkel.

Was tun Sie persönlich gegen die Herbstmüdigkeit? Haben Sie Tipps?

Hanna: Ich versuche, wenn möglich mich viel Draußen zu bewegen (Spaziergänge, Joggen etc.) und soweit wie möglich einen regelmäßigen Schlafrhythmus zu entwickeln (mindestens 7 Stunden) Zudem versuche ich an freien Tagen nicht zu lange zu Schlafen und mich vitaminreich und gesund zu ernähren.

Mia: Wenn die Tage wieder kürzer werden supplementiere ich Vitamin D und achte auch noch einmal mehr auf eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Ich versuche auch mich viel zu bewegen und nutze deshalb die schönen Tage für lange Spaziergänge und die abendlichen Stunden für eine gemütliche Yogaeinheit.

Wie aus dem Interview hervorgeht bemerken Personen, die in Schichten arbeiten, einen deutlichen Einfluss der dunklen Jahreszeit auf ihre Stimmung sowie Aktivität. Dabei geben die beiden Kinderkrankenschwestern hilfreiche Tipps, wie sie persönlich mit der Herbstmüdigkeit und der Schichtarbeit umgehen. Unter anderem helfen Bewegung und frische Luft sowie ein regelmäßiger Schlafrhythmus gegen die Müdigkeit. Zudem versuchen die Kinderkrankenschwestern auf eine gesunde und vitaminreiche Ernährung zu achten oder ergänzen Vitamin D. Damit befolgen die beiden schon viele Tipps, die auch von Experten zur Behandlung der Herbstmüdigkeit gegeben werden. Wir haben weitere Experten-Tipps, um der Herbstmüdigkeit vorzubeugen und die Symptomatik zu lindern, für euch zusammengetragen (2).

6 Experten-Tipps, wie Sie der Herbstmüdigkeit entgegenwirken können

  1. Licht – Versuchen Sie Licht ins Dunkel zu bringen und so viel Tageslicht abzubekommen wie möglich. Ist dies aufgrund der Schichtarbeit nur schwer möglich kann auch eine Lichttherapie hilfreich sein. Aber auch Geräte für zu Hause können verwendet werden: Durch künstliches Licht mit hohen Lux-Zahlen von ca. 10000 kann sich die Stimmung verbessern. So wirken Sie dem winterlichen Lichtmangel entgegen.
  2. Bewegung und Sport – Körperliche Aktivitäten, vor allem im Freien, können der Herbstmüdigkeit entgegenwirken. Wenn Sie sich draußen bewegen bekommen Sie zudem noch Licht ab, was einen zusätzlichen Vorteil mit sich bringt.
  3. Ernährung – eine vitaminreiche, gesunde Ernährung mit viel Gemüse, Protein sowie unverarbeiteten Nahrungsmitteln wird empfohlen. Dabei sollte auch trotz der Schichtarbeit auf regelmäßige sowie gesunde Mahlzeiten geachtet werden.
  4. Vitamin D einnehmen – Ein Mangel an Vitamin D kann eine Ursache für Depressionen sein. Demnach kann die Einnahme von Vitamin D der  SAD und S-SAD vorbeugen.
  5. Entspannung – Versuchen Sie sich zu entspannen und Stress, soweit es geht, zu vermeiden. Dabei können Achtsamkeitsmeditationen, Yoga oder auch Walking hilfreich sein.
  6. Soziale Kontakte pflegen – regelmäßiger Kontakt zu anderen ist hilfreich, um die Stimmung zu verbessern. Auch wenn die Schichtarbeit dies nicht so oft zulässt, sollten soziale Kontakte ganz oben auf Ihrer Prioritäten-Liste stehen.  

(1) Klöckner, Lydia (2012, November 5): Wir befinden uns im Energiesparmodus. Abgerufen am 26. Oktober 2020 von https://www.zeit.de/studium/2012-10/Lichtmangel-verringert-Leistungsfaehigkeit#comments

(2) Melrose, S. (2015) Seasonal Affective Disorder: An Overview of Assessment and Treatment Approaches. Depression Research and Treatment, vol. 2015, Article ID 178564, 6 pages, 2015. https://doi.org/10.1155/2015/178564

(3) Gründer, G. (2020, Oktober 26). Saisonal abhängige affektive Störung. In Dorsch Lexikon der Psychologie. Abgerufen von https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/saisonal-abhaengige-affektive-stoerung

(4) Kasper, S., Pjerk, E. (2004) Diagnose und Behandlung der subsyndromalen SAD. In: Kasper, S., Möller HJ. (eds) Herbst-/Winterdepression und Lichttherapie. Springer, Vienna. https://doi.org/10.1007/978-3-7091-0592-4_4


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Der Ken-Burns-Effekt der Psyche

19-10-2020.




Warum wir die seelische Gesundheit jedes Einzelnen im Kontext betrachten sollten 

Es gibt beim Film eine Aufnahmetechnik, die nach dem Kameramann, der diese erfunden hat benannt wurde: den „Ken-Burns-Effekt“. Hierbei wird zunächst ein bestimmtes Detail einer Szene in den Fokus gerückt, oft sogar ein rätselhafter Aspekt, der keinen unmittelbaren Rückschluss auf die ganze Szene, auf das vollständige Bild erlaubt. Im Anschluss wird durch Veränderungen des Bildausschnitts und der Brennweite des Objektivs das ganze Bild und somit der Kontext des Details gezeigt und es entsteht oftmals ein „Aha-Effekt“. 

Viele Menschen denken bei dem Begriff „seelische Gesundheit“ an Krankheitstage, Rentenanträge und Ausfallzeiten wegen psychischer Störungen. Oder an das Stigma, wenn jemand tatsächlich erkennbar unter einer seelischen Erkrankung leidet. Weitere denken an die 17-25% der Mitbürger in allen westlichen Kulturen, die nach diversen Schätzungen und Erhebungen an seelischen Störungen erkrankt sind. Das ist alles irgendwie richtig und doch nicht das ganze Bild. Sondern jeweils nur ein bestimmter Aspekt, ein Detail, das gern mal in den Fokus gerückt wird.

In diesem Blogbeitrag ist es uns ein Anliegen einmal das ganze Bild zu betrachten, gewissermaßen den Ken-Burns-Effekt anzuwenden. 

Seelische Gesundheit beinhaltet zwei Begriffe, die schwierig zu definieren sind. Auch wenn es in der deutschen Sprache oftmals einfacher erscheint von „Seele“ statt „Psyche“ zu reden, stellt dies zum Beispiel eine Schwierigkeit für die Menschen dar, für welche Seele etwas mit Religion zu tun hat. Betrachten wir es neutral, so sollten wir von der Psyche als non-materiellen Teil des Menschen reden. Die Psyche steht für uns mit Funktionen des Gehirns in Verbindung, ohne dass bis heute erklärbar wäre, welche Funktionalität welcher Nervenzellen wirklich „Psyche“ macht. Fragmente sind bekannt und erforscht und einzelne Aspekte von psychischen Funktionen können mittlerweile einzelnen Bereichen im Gehirn zugeordnet werden. Dennoch sind noch so viele Fragezeichen vorhanden, dass es sinnvoll erscheint, bei der Definition von Psyche zunächst nur den non-materiellen Anteil zu betrachten und Spekulationen über die physische Präsenz, Wurzel oder Ursache weitgehend zu vermeiden. 

Ähnlich schwierig ist die Frage danach, was denn „Gesundheit“ ist. Ist es das Fehlen von Krankheit, ist es ein Zustand des Wohlbefindens, ist es die Möglichkeit, innerhalb einer Gruppe von Menschen mit gleichartigem Zustand einfach nicht aufzufallen? Ist Gesundheit eine objektivierbare Eigenschaft, ein von außen messbarer und erkennbarer Zustand, oder eher ein individuelles und ganz subjektiv empfundenes Erlebnis? Schon bei der Betrachtung von körperlichen Auffälligkeiten wird deutlich, dass ein Zustand, der dem Einen als „krank“ erscheint, von einem anderen als „ist halt so und ist nicht krank“ wahrgenommen wird. 

Das Gefühl, was eine Krankheit ist – und damit eben auch das Gefühl, was Gesundheit ist – ist sehr individuell. Nirgendwo wird dies deutlicher, als bei der Betrachtung von seelischer Gesundheit. Das heißt nicht, dass psychische Erkrankungen „individuelle Befindlichkeitsstörungen“ sind. Es bedeutet, dass es für jeden eine Herausforderung darstellt, das Leiden des Einzelnen zu betrachten und zu würdigen, ohne die eigene, individuelle Wertung einzubringen. Weil wir nicht nachfühlen können, was in der Psyche des Anderen vorgeht. Wir können es vielleicht ahnen, wenn wir ähnliche Erfahrungen gemacht haben - doch wir können es niemals wissen. Respekt vor dem Erleben und dem Leiden des Gegenübers ist daher der erste und zugleich wichtigste Schritt, um dem angemessen begegnen zu können, was für unsere Mitmenschen das Fehlen von seelischer Gesundheit bedeutet.

Zurück zu Ken Burns. Das visuelle Erlebnis, wenn aus einem kleinen Ausschnitt, der vermeintlich eine sichere Interpretation erlaubt, plötzlich ein großes Ganzes wird, dessen Aussage eine völlig andere ist, ist oftmals überraschend und manchmal erschreckend. Genau so geht es uns allen – sowohl Psychiatern und Psychotherapeuten als auch Angehörigen, Freunden, Nachbarn und Arbeitskollegen – wenn wir das seelische Leid, die psychische Belastung eines Menschen einmal von ganz oben betrachten. Einmal das große Ganze sehen und nicht nur den kleinen Ausschnitt, der von häufig unverständlichen und merkwürdigen Symptomen und Befunden gekennzeichnet ist. Weinen, Antriebslosigkeit, Traurigkeit, aber auch Unruhe, Kaufrausch, Stimmenhören oder Verfolgungsgefühle erleben – das alles sind die offensichtlichen Aspekte, gewissermaßen die Details und Bildausschnitte. 

Doch seelische Gesundheit oder Krankheit bedeutet so viel mehr. Es beinhaltet eine Einbindung in soziale Strukturen oder eine Ausgrenzung, eine Ablehnung oder Annahme der Person, eine Wahrnehmung des Gefühls des Einzelnen oder ein Wegsehen. Die Woche der seelischen Gesundheit sollte uns ein Anliegen sein, das große Ganze zu sehen, das jeder Einzelne verkörpert, auch wenn uns kleine Details (negativ) beeindrucken. Denn dadurch können wir erkennen, dass im großen Bild viel mehr Details verborgen sind – und auf einmal finden sich Gemeinsamkeiten zwischen Menschen, die eigentlich so unpassend schienen. Betroffene, deren seelische Gesundheit nicht so ganz auf der Höhe zu sein scheint, dürfen nicht auf diesen einen Aspekt reduziert werden. Und alle anderen, denen das Thema eher fremd und nicht sie selbst betreffend erscheint, können dadurch ganz leicht erkennen, dass es gar nicht so fern liegt, dass auch in ihrem Bild das eine oder andere Detail Auffälligkeiten zeigen könnte. Denn jeder Mensch besteht aus einem großen Ganzen mit vielen einzelnen, individuellen Details. 

Wir sollten uns also bemühen, bei der Würdigung von seelischer Gesundheit oder dem Fehlen dieser Gesundheit weniger kritisch die einzelnen Details zu interpretieren, die uns vielleicht doch in die Irre leiten, als vielmehr das ganze Bild zu betrachten und zu erkennen, dass wir selbst viele Bezugspunkte haben. 


 

Auf unserem Instagram-Kanal erklärt unsere Psychologin Saskia Blömeke in der Aktionswoche vom 12. bis zum 16.10. jeden Tag eine kleine Übung, um der eigenen seelischen Gesundheit ad hoc etwas Gutes zu tun.


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