Wie nimmt die Pflege die psychologischen Auswirkungen der Pandemie wahr?

Einschätzungen zu den Ergebnissen unserer
Umfrage in Kooperation mit pflegen-online.de

29.06.2020 – SB

Die durch das Coronavirus ausgelöste Situation fordert uns alle heraus – und ganz besonders das Pflegepersonal, egal ob in einer Klinik, einem ambulanten Pflegedienst oder in einem Pflegeheim. Durch die aktuelle Krise steht die Pflege plötzlich wieder im Fokus, doch wie ist die aktuelle Stimmung in der Pflege wirklich? Was gibt es für Kernprobleme die durch Corona entstanden sind? Wie belastet fühlt sich das Pflegepersonal? Und führen Bonuszahlungen und Nutzung von Gratisangeboten tatsächlich dazu, dass sich die Pflege in ihrem Berufsstand mehr wertgeschätzt fühlt? Mit diesen und noch viel mehr Fragen haben wir uns mittels einer Online-Umfrage an das Pflegepersonal in Deutschland gerichtet. Insgesamt nahmen 463 Personen an der Umfrage teil. 

Die Belastung ist groß, doch es fehlt an präventiven Maßnahmen 

Dass sich die Pflege in Zeiten von Corona verändert hat, wird nicht nur durch Medienberichte und politische Entscheidungen deutlich. Auch in unserer Umfrage gaben rund 80% der Befragten an, dass sich der Arbeitsalltag durch Corona verändert hat. Veränderungen im Arbeitsalltag und steigende Anforderungen resultieren häufig in vermehrtem Belastungserleben. So gaben auch in unserer Umfrage rund 38% der Befragten an, dass sie sich durch die Veränderung stark bis sehr stark belastet fühlen, 42% erfuhren eine mäßige Belastung durch die Veränderungen. Internationale Studien zu den Folgen von Epidemien und Pandemien zeigen, dass mit den verstärkten Belastungen ein großes Risiko für spätere psychische Erkrankungen einhergeht (1, 2).

Folgen auf die Corona-Pandemie psychische Erkrankungen als „Dritte Welle“?

Erste Frühwarnzeichen dafür zeigen sich in unseren Umfrageergebnissen. So gaben rund 70% an, dass sich vor allem die psychische Belastung durch Corona verändert hat. Die Hälfte berichtet von mehr körperlicher Belastung. Wenn es erst einmal zum Auftreten von psychischen Störungen kommt, hilft meist nur noch eine Krankschreibung (die bei psychischen Störungen deutlich länger ist als bei körperlichen Symptomen), Psychotherapie und unter Umständen sogar die Einnahme von Psychopharmaka. Doch soweit muss es nicht kommen. Alle Studien zur Anwendung von Präventionsmaßnahmen beim Klinik- und Pflegepersonal zeigen, dass eine deutliche Steigerung der Resilienz und eine Verbesserung der psychischen Stabilität erreichbar ist.

Präventionsmaßnahmen müssen aber in einem Zeitfenster angeboten werden, in dem noch präventiv gearbeitet werden kann. Das Klinik- und Pflegepersonal ist zu wichtig, um es sehenden Auges in psychische Dekompensation zu treiben. Deshalb ist jetzt noch der richtige Zeitpunkt für Präventionsmaßnahmen und Unterstützung. Dies scheint leider jedoch noch nicht im Pflegealltag angekommen zu sein. In unserer Umfrage gaben lediglich 13% der Befragten an, von Ihrem Arbeitgeber durch präventive Maßnahmen zur physischen Gesundheitsförderung unterstützt zu werden, ebenfalls weniger als jeder Fünfte (15%) werden durch präventive Maßnahmen zur psychischen Gesundheitsförderung unterstützt. Neben der ohne Frage ausreichend zur Verfügung zu stellender äußerlicher Schutzkleidung (z.B. Mund-Nasen-Schutz) dürfen präventive Maßnahmen zur psychischen und physischen Gesundheitsförderung nicht fehlen. Gerade in der jetzigen Situation ist es wichtiger denn je, die psychische Gesundheit von Mitarbeitenden zu schützen.

Lockerung der Maßnahmen – gilt dies auch für das Pflegepersonal?

Cafés und Restaurants haben wieder geöffnet, Schwimmbäder laden zur Erfrischung in der Sommerhitze ein. Zwar gelten bei all diesen Aktivitäten immer noch einige Regeln wie das Tragen eines Mundschutzes oder die Einhaltung der Abstandsregeln – dennoch kehrt so langsam das Gefühl eines normalen Alltags zurück. Doch gilt das auch für das Pflegepersonal? Schließlich arbeitet dies doch mit der Hauptrisikogruppe tagtäglich zusammen. So ist beispielsweise die Einhaltung von Abstandsregeln während der pflegerischen Versorgung an Patienten und Bewohnern kaum möglich. Anziehen, Waschen, beim Essen helfen – das geht nicht aus 1,5 m Entfernung. Und somit ist fast immer die Angst zugegen, nicht nur sich selber, sondern vor allem die zu Pflegenden anzustecken.

Das bestätigen auch unsere Umfragedaten: Zum einen bringt das Verantwortungsgefühl gegenüber den zu Pflegenden 55% der Befragten dazu, ihr Privatleben in Zeiten von Corona einzuschränken. Zum anderen haben 55% der Befragten in unserer Umfrage die Sorge, Familie oder Freunde die sie in ihrer Freizeit sehen mit dem Coronavirus anzustecken. Hingegen ist die Sorge sich selbst mit dem Coronavirus anzustecken niedriger (34%). Und auch wenn sich die Maßnahmen langsam lockern – in Kliniken, Krankenhäusern und stationären Pflegeeinrichtungen gelten immer noch strenge Vorschriften. So berichten 78% der Befragten über weniger Angehörigenkontakt und 79% gaben die Verwendung von Schutzausrüstung als zentrale Veränderung im Arbeitsalltag durch Corona an (Hinweis: Bei dieser Frage waren Mehrfachnennungen möglich).

Pflegekräfte wertschätzen – nicht nur in Zeiten von Corona

Professionelle Pflege ist systemrelevant – das war sie schon immer. Doch immer noch spiegeln dies die Lohnzahlungen und die Arbeitsbedingungen in den meisten Fällen nicht wider. Dieser Fakt hat in den vergangenen Wochen und Monaten viel Aufmerksamkeit erlangt. Einige Gegenmaßnahmen wurden im Schnellverfahren auf politischer Ebene durchgeboxt (z.B. Bonuszahlungen). Die Sorge, dass dies nun nur einmalige Angebote waren und sich dadurch nichts langfristig an der Wertschätzung der Pflegekräfte ändert, zeigt sich in unserer Umfrage. 56% der Befragten geben an, das sich die Wertschätzung der Person als Pflegekraft nicht verändert hat, dass sie gleichgeblieben ist. Rund 28% sieht jedoch auch eine leichte Verbesserung. Als Gründe für die Einschätzung, warum sich die wahrgenommene Wertschätzung verändert hat, wurden vor allem das positive Feedback aus dem Umfeld genannt (49%), politische Entscheidungen (36%) und Bonuszahlungen (24%). Das Klatschen um 21 Uhr (6%) sowie die Nutzung von temporären Gratis-Angeboten (11%) scheinen hingegen nicht unbedingt für viele Pflegekräfte dazu zu führen, dass sich die wahrgenommene Wertschätzung verbessert (Hinweis: Bei dieser Frage waren Mehrfachnennungen möglich).

Die vielfach bemängelten Arbeitsbedingungen sowie der Fachkräftemangel in der Pflege sind seit langem bekannt, tatsächlich geändert hat sich bislang wenig. Der Personalschlüssel stellt auch während Corona weiterhin ein zentrales Problem in der Pflege dar. So gaben 43% der Befragten an, zu wenig Personal zur Verfügung zu haben, 16% sogar viel zu wenig Personal. Es bleibt die Frage, ob sich durch Corona auch langfristig etwas in der Pflege tun wird. Viele sind skeptisch, einige sind weiterhin hoffnungsvoll. Viele fordern: auch nach Corona müssen sich Dinge grundlegend ändern.  

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Die Zahlen im Überblick: Laden Sie sich die gesamte Übersicht zur Umfrage herunter!

(1) Lai J, Ma S, Wang Y, et al. Factors Associated With Mental Health Outcomes Among Health Care Workers Exposed to Coronavirus Disease 2019. JAMA Netw Open. 2020;3(3):e203976. doi:10.1001/jamanetworkopen.2020.3976
(2) Mealer, M., Burnham, E. (2009) The prevalence and impact of post traumatic stress disorder and burnout syndrome in nurses. Depress Anxiety. 2009;26(12):1118-1126. doi:10.1002/da.20631