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Was stresst die Pflege?

27/04/2021 14:55:28.




Auswertung einer Umfrage in stationären Pflegeeinrichtungen zum Stress in der Pflege während der Corona-Pandemie

MitarbeiterInnen in der Pflege sind im Berufsalltag mit zahlreichen Stressauslösern konfrontiert und Stress in der Pflege ist keine Seltenheit. Vor allem die Arbeits- und Rahmenbedingungen in der Pflege werden als gravierende Stressoren angesehen. Die gegenwärtige Coronakrise und die damit verbundene Belastung des Pflegesystems werden als zusätzliche Stressoren diskutiert. Die Folgen von Stress in der Pflege sind sehr vielfältig. Sie reichen von körperlichen Reaktionen (z.B. hoher Blutdruck) bis hin zu psychischen Reaktionen (z.B. Burn-Out/Depression). Langanhaltender Stress kann sich dauerhaft auf die Lebensqualität der Betroffenen auswirken. 
Was löst aber tatsächlich den meisten Stress in der Pflege aus? Welche stressauslösende Faktoren lassen sich, möglicherweise durch die Coronakrise ausgelöst, erkennen?

Wir führen regelmäßige Fortbildungen zum Thema "Stress in der Pflege" im Rahmen der betrieblichen Gesundheitsförderung in der Pflege durch. Das gibt uns die Möglichkeit, direkte Einblicke in die tatsächlichen Stressoren der MitarbeiterInnen vor Ort zu erhalten. Damit können wir zur Beantwortung der Frage, was die Pflege stresst, beitragen. Mittlerweile haben rund 80 in der Pflege tätige Personen unsere Fortbildung zum Thema Stressmanagement besucht und haben in diesem Rahmen ihre größten Stressoren genannt. Diese Datenbasis liefert Erkenntnisse über die Faktoren und Situationen, welche Stress in der Pflege auslösen. In den Fortbildungen unterscheiden wir zwischen fünf Bereichen in denen Stressauslöser auftreten können. Diese werden wir im Einzelnen betrachten:

  1. Arbeitsaufgaben
  2. Arbeitszeit
  3. Rahmenbedingungen (Führung, Organisation)
  4. Soziale Aspekte (Team und Kollegen)
  5. Privatleben (Hobbies, Freizeit, Familie)

Den Bereich Privatleben beziehen wir in den beruflichen Kontext mit ein, da häufig auch privater Stress den Stress in der Pflege, also auf der Arbeit, und die individuelle und allgemeine Belastungssituation beeinflusst.

Infografik Stressbelastung PflegeUnsere Infografik können Sie hier herunterladen


Misslingende Kommunikation und Organisation beschert den meisten Stress in der Pflege – Coronakrise wirkt eher indirekt

Über alle Bereiche hinweg zeigt sich, dass neben der Belastung durch den Lockdown vor allem Probleme in der Kommunikation und in der Organisation von Arbeit auf verschiedenen Ebenen den Großteil der Stressbelastung in der Pflege bestimmen.

Als ein großer Stressor im Bereich Arbeitsaufgaben wird von TeilnehmerInnen eine ständige Unterbrechung der Arbeit und der Arbeitsabläufe genannt. Diese Unterbrechungen werden häufig durch zu viele Nebentätigkeiten oder unerwartete Aufgaben hervorgerufen. Viele der TeilnehmerInnen beschreiben den daraus entstehenden Zeitdruck als enormen Stressfaktor im Pflegeberufsalltag. Weitere Stressoren im Bereich der Arbeitsaufgaben sind der Umgang mit herausfordernden Bewohnern. Auch der Kontakt zu Angehörigen wird von einigen TeilnehmerInnen als Stressor empfunden und führt zu Stress in der Pflege. 
Arbeitsaufgaben

Im Bereich Arbeitszeit wird vor allem ein häufiger Wechsel von Früh- und Spätschichten als Auslöser für Stress in der Pflege genannt. Die dadurch reduzierten Erholungszeiten und der ständige Wechsel des Schlafrhythmus werden als besonders belastend erlebt. Auch das Thema Pausen wurde in diesem Bereich vermehrt genannt – hierbei vor allem der Aspekt, häufig keine Pausen machen zu können oder wenn Pausen gemacht werden, diese oft unterbrechen zu müssen. Das macht es schwierig, sich innerhalb des Arbeitstages in der Pause zu erholen und führt somit ebenfalls zu Stress in der Pflege. 
Arbeitszeit
Im Bereich Rahmenbedingungen mit Fokus auf Führung und Organisation stellen fehlende Transparenz und mangelnde Kommunikation die größten Auslöser fü Stress in der Pflege dar. Dies meint vor allem die mangelnde Kommunikation über organisatorische Dinge, Abläufe oder Veränderungen. Auch die fehlende Transparenz bezüglich Entscheidungen oder Handlungen sowie teilweise unzureichende Wertschätzung, Lob und Feedback der Leitungskräfte den MitarbeiterInnen gegenüber wurde als Stressfaktor genannt.
Führung
Auch im Bereich der sozialen Aspekte mit Fokus auf Team und Kollegen ist das Thema der mangelnden oder gestörten Kommunikation als Auslöser für Stress in der Pflege erkennbar. Vor allem fehlende Kommunikation aber auch nicht wertschätzende und indirekte Kommunikation, die als „Lästern“ und  „hinter dem Rücken reden“ betitelt werden sowie ein respektloser Umgang untereinander und miteinander werden als sehr belastend wahrgenommen. Darüber hinaus wird häufiger Personalwechsel und eine dadurch entstehende Unruhe im Team mehrfach als Auslöser für Stress in der Pflege genannt.
Team & Kollegen
Beim Privaten (Hobbies, Freizeit, Familie) steht als großer Stressfaktor über alles andere hinweg das Thema Corona und der Lockdown im Fokus. Dies ist wenig verwunderlich, bemerkenswert ist allerdings, dass die Pandemie vor allem im privaten Bereich einen zusätzlichen Faktor für Stress in der Pflege darstellt und nicht unbedingt direkt auf den beruflichen Bereich bezogen wird. Die TeilnehmerInnen nennen jedoch vor allem den fehlenden Ausgleich zur Arbeit als Auslöser für Stress in der Pflege. Freizeitgestaltung wie früher sei nicht mehr möglich, viele Unternehmungen und Sport fielen weg und dadurch werde der Zugang zu vielen Ressourcen erschwert. Dabei stellen Ressourcen eine so wichtige Komponente im Umgang mit Stress in der Pflege dar. 
Privates



Ressourcen - der wichtige Gegenspieler von Stress in der Pflege

Stellt man sich eine Waage vor, so würden Ressourcen das Gegengewicht zu Stressoren darstellen. Mit der Stärkung eigener Ressourcen können die negativen Effekte von Stress in der Pflege abgemildert werden. Außerdem helfen sie, gesetzte Ziele zu erreichen oder die persönliche Entwicklung zu unterstützen. Man unterscheidet zwischen vier Typen von Ressourcen (Frederickson, 2009): 

  1. Physische Ressourcen (z.B. körperliche Fitness)
  2. Intellektuelle Ressourcen (Sinn einer Tätigkeit)
  3. Soziale Ressourcen (Unterstützung des Umfeldes) 
  4. Psychische Ressourcen (Widerstandsfähigkeit, Vertrauen in sich selbst) 

Es ist wichtig, sich seiner eigenen Ressourcen bewusst zu werden und diese gezielt und regelmäßig zum Stressmanagement in der Pflege einzusetzen. Beispielsweise Zeit mit Freunden oder Familie, das Ausüben von Hobbies oder angenehme Aktivitäten können helfen, stressige Situationen zu meistern und daran zu wachsen. 


Mitarbeitergesundheit rechtzeitig durch Ressourcenstärkung schützen

Unsere Erfahrungen mit den TeilnehmerInnen der Fortbildungen zum Thema Stress in der Pflege zeigen, dass genau diese ausgleichenden Ressourcen unter der Corona-Pandemie zu kurz kommen oder sogar komplett wegfallen. Um noch ein mal auf das Bild der Waage zurückzukommen: Die (Ausgangs-)Beschränkungen im Zuge der Pandemie bewirken, dass die Waagschale mit den Ressourcen nicht ausreichend aufgefüllt werden kann. Da der Stress durch die Arbeitsbedingungen in der Pflege aber mindestens gleich geblieben ist, kann der Ausgleich der beiden Waagschalen nicht stattfinden und der belastende Stress in der Pflege nicht ausreichend durch Ressourcen ausgeglichen werden. Dies kann langfristig zu schwerwiegenden Folgen für die Gesundheit der MitarbeiterInnen, das System Pflege und damit das gesamte Gesundheitssystem führen.


 
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