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Der coachforcare Blog

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Emotionale Aufarbeitung des Corona-Jahres und großes Engagement beim Auftakt in Berlin

06/04/2021 16:02:12.




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coachforcare ist mit psychischer betrieblicher Gesundheitsförderung für die Pflege nun auch in Berlin angekommen. Nachdem unsere Erfahrungen in Hamburg zeigen konnten, dass unser Angebot Anklang findet, wurde im überregionalen Austausch schnell klar, dass unsere Leistungen für Pflegeeinrichtungen in ganz Deutschland relevant sind. Nach einer aufgrund von Corona längeren Anlaufphase konnte das erste Projekt am neuen Standort starten. Der Bericht von unserem Standortleiter Tim Hamer zeigt, wie der Projektstart in der Hauptstadt verlief und dass sich Hamburg und Berlin in vielen Punkten wenig unterscheiden, was die Sorgen der Pflege angeht…
 

Der Beginn meiner ersten Veranstaltung steht – wie soll es in der aktuellen Situation anders sein –voll unter dem Einfluss von Corona. Eine halbe Stunde vor dem Start bin ich vor Ort und lasse mich im Foyer der Einrichtung (schnell-)testen. Ich finde es zunächst befremdlich, den Helfern in Bundeswehruniform hier zu begegnen, doch schnell kommen wir ins Gespräch. Dabei stelle ich fest, wie zufrieden die Einrichtung über die zusätzliche Unterstützung ist und wie sinnvoll meine Gegenüber ihre Arbeit empfinden. 

Nach einigen bangen Minuten steht mein negatives Ergebnis fest und ich werde von meinem Ansprechpartner in unseren kleinen Meetingraum für den Nachmittag geführt. Normalerweise findet hier der Austausch der Leitungsebene über die alltäglichen Themen statt. Die Runde heute sieht nur unwesentlich anders aus als sonst. Ich spreche mit der Heimleitung, ihrem Vertreter, zwei Pflegedienstleitungen und der Beauftragten für das Qualitätsmanagement. Gemeinsam legen wir den Schwerpunkt heute allerdings nicht auf das Tagesgeschäft. Wir erweitern die Perspektive und erörtern auf einer allgemeineren Ebene, welche Rahmenbedingungen, sozialen, aber auch organisationalen Aspekte die Mitarbeiter vor Ort als psychische Belastung wahrnehmen. Auch das, was bereits positiv zu bewerten ist, kommt dabei zur Sprache.

Im Gesprächsverlauf fällt mir auf, wie breit gefächert die Themen sind, welche an der Substanz der Mitarbeiter aber auch der Leitungsebene zehren. Die aktuelle Pandemie hat dabei noch einmal als Brandbeschleuniger gewirkt, durch den die ohnehin vorhandenen schwelenden Flammen nur noch sichtbarer wurden. Da ist zum einen die latente Demotivation der KollegInnen im Heim, die durch die Erfahrungen des letzten Jahres immer weiter verstärkt wurde. Die Pflegekräfte führen einen generell stressigen Arbeitsalltag, sind ständig mit Krankheit und Tod konfrontiert, und dann kommen auch noch traumatische Erfahrungen aufgrund von Corona-Ausbrüchen in den Pflegeeinrichtungen dazu! Diese emotionale Überforderung der letzten Monate nagt an der psychischen Widerstandskraft aller Beteiligten.

Zum anderen finden aber auch immer wieder Themen den Weg in die Runde, die Aspekte der  Kommunikationskultur in der Pflegeeinrichtung bemängeln. Ich bin nicht verwundert. Diese Erfahrung haben wir bereits in anderen Projekten gemacht. Immer wieder brechen aufgrund unterschiedlicher Themen Konflikte im Heim aus. Nach meiner Einschätzung nicht ungewöhnlich, sondern deckungsgleich mit vielen anderen Berufen. In der heutigen Runde wird allerdings davon berichtet, dass diese Konflikte häufig nicht auf eine wertschätzende Art und Weise miteinander gelöst werden. Diese und ähnliche Kommunikationskulturen kenne ich bereits aus meinen Erfahrungen in Hamburg, daher kann ich hier erst einmal beruhigen. Es scheint, dass die Pflege aufgrund eines Cocktails aus verschiedenen Faktoren besonders anfällig für Konflikte im Team, Kommunikationsprobleme und stressbedingte Belastungsstörungen ist.

Was mir vor allem klar wird, ist, wie engagiert die Leitungsebene schon seit geraumer Zeit gegen diesen Trend ankämpft, aber sich das Gefühl breit macht, dass die Bemühungen einfach nicht fruchten. Es wurden bereits viele strukturelle Veränderungen durchgeführt, um den KollegInnen mehr Gestaltungsraum in der täglichen Arbeit, finanzielle Anreize und flache Kommunikationshierarchien anzubieten. Mir wird klar: Hier kämpft eine Heimleitung schon längere Zeit darum, dass Ihre MitarbeiterInnen wieder gerne zur Arbeit kommen. Daher ist der dargebotene (Zeit-)Raum heute auch so wichtig, in dem wir gemeinsam erörtern können, welche Aspekte nun genau hervorstechen.

Mir fällt irgendwann auf, dass wir vermutlich noch zwei Stunden länger als geplant sprechen könnten, da der Redebedarf so groß ist. Dabei sticht heraus, dass es trotz der Erfahrungen des letzten Jahres nicht darum geht, die Arbeit oder die KollegInnen zu problematisieren. Es ist vielmehr erstaunlich und erfrischend, dass sich positive und negative Aspekte im Gespräch die Waage halten. Die tägliche Arbeit in der Pflegeeinrichtung wird als sinnvoll und abwechslungsreich beschrieben, die erfüllenden Erfolgserlebnisse hervorgehoben, der schöne Zusammenhalt in einigen Teams diskutiert und überlegt, wie man diesen auf andere Teams ausweiten könnte. 

Nach zwei Stunden intensivem Austausch muss ich mich wieder verabschieden, da der Alltag im Heim meine Gesprächspartner zurückfordert. Ich verlasse das Gebäude mit einer Sammlung von Eindrücken über ein Heim, das sich gerade in den Anfängen der emotionalen Aufarbeitung des letzten (Corona-) Jahres befindet und das gleichzeitig generelle Veränderungen der täglichen Arbeitsweisen vornimmt – eine herausfordernde Ausgangssituation. Ich bin dennoch voller Tatendrang und guten Mutes für die gemeinsame Entwicklung. Denn ich habe mit Menschen gesprochen, die sich voll und ganz ihrer Arbeit verschrieben haben und das Thema psychische Gesundheitsförderung mit großem Engagement angehen. 


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