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Der Ken-Burns-Effekt der Psyche

19-10-2020.




Warum wir die seelische Gesundheit jedes Einzelnen im Kontext betrachten sollten 

Es gibt beim Film eine Aufnahmetechnik, die nach dem Kameramann, der diese erfunden hat benannt wurde: den „Ken-Burns-Effekt“. Hierbei wird zunächst ein bestimmtes Detail einer Szene in den Fokus gerückt, oft sogar ein rätselhafter Aspekt, der keinen unmittelbaren Rückschluss auf die ganze Szene, auf das vollständige Bild erlaubt. Im Anschluss wird durch Veränderungen des Bildausschnitts und der Brennweite des Objektivs das ganze Bild und somit der Kontext des Details gezeigt und es entsteht oftmals ein „Aha-Effekt“. 

Viele Menschen denken bei dem Begriff „seelische Gesundheit“ an Krankheitstage, Rentenanträge und Ausfallzeiten wegen psychischer Störungen. Oder an das Stigma, wenn jemand tatsächlich erkennbar unter einer seelischen Erkrankung leidet. Weitere denken an die 17-25% der Mitbürger in allen westlichen Kulturen, die nach diversen Schätzungen und Erhebungen an seelischen Störungen erkrankt sind. Das ist alles irgendwie richtig und doch nicht das ganze Bild. Sondern jeweils nur ein bestimmter Aspekt, ein Detail, das gern mal in den Fokus gerückt wird.

In diesem Blogbeitrag ist es uns ein Anliegen einmal das ganze Bild zu betrachten, gewissermaßen den Ken-Burns-Effekt anzuwenden. 

Seelische Gesundheit beinhaltet zwei Begriffe, die schwierig zu definieren sind. Auch wenn es in der deutschen Sprache oftmals einfacher erscheint von „Seele“ statt „Psyche“ zu reden, stellt dies zum Beispiel eine Schwierigkeit für die Menschen dar, für welche Seele etwas mit Religion zu tun hat. Betrachten wir es neutral, so sollten wir von der Psyche als non-materiellen Teil des Menschen reden. Die Psyche steht für uns mit Funktionen des Gehirns in Verbindung, ohne dass bis heute erklärbar wäre, welche Funktionalität welcher Nervenzellen wirklich „Psyche“ macht. Fragmente sind bekannt und erforscht und einzelne Aspekte von psychischen Funktionen können mittlerweile einzelnen Bereichen im Gehirn zugeordnet werden. Dennoch sind noch so viele Fragezeichen vorhanden, dass es sinnvoll erscheint, bei der Definition von Psyche zunächst nur den non-materiellen Anteil zu betrachten und Spekulationen über die physische Präsenz, Wurzel oder Ursache weitgehend zu vermeiden. 

Ähnlich schwierig ist die Frage danach, was denn „Gesundheit“ ist. Ist es das Fehlen von Krankheit, ist es ein Zustand des Wohlbefindens, ist es die Möglichkeit, innerhalb einer Gruppe von Menschen mit gleichartigem Zustand einfach nicht aufzufallen? Ist Gesundheit eine objektivierbare Eigenschaft, ein von außen messbarer und erkennbarer Zustand, oder eher ein individuelles und ganz subjektiv empfundenes Erlebnis? Schon bei der Betrachtung von körperlichen Auffälligkeiten wird deutlich, dass ein Zustand, der dem Einen als „krank“ erscheint, von einem anderen als „ist halt so und ist nicht krank“ wahrgenommen wird. 

Das Gefühl, was eine Krankheit ist – und damit eben auch das Gefühl, was Gesundheit ist – ist sehr individuell. Nirgendwo wird dies deutlicher, als bei der Betrachtung von seelischer Gesundheit. Das heißt nicht, dass psychische Erkrankungen „individuelle Befindlichkeitsstörungen“ sind. Es bedeutet, dass es für jeden eine Herausforderung darstellt, das Leiden des Einzelnen zu betrachten und zu würdigen, ohne die eigene, individuelle Wertung einzubringen. Weil wir nicht nachfühlen können, was in der Psyche des Anderen vorgeht. Wir können es vielleicht ahnen, wenn wir ähnliche Erfahrungen gemacht haben - doch wir können es niemals wissen. Respekt vor dem Erleben und dem Leiden des Gegenübers ist daher der erste und zugleich wichtigste Schritt, um dem angemessen begegnen zu können, was für unsere Mitmenschen das Fehlen von seelischer Gesundheit bedeutet.

Zurück zu Ken Burns. Das visuelle Erlebnis, wenn aus einem kleinen Ausschnitt, der vermeintlich eine sichere Interpretation erlaubt, plötzlich ein großes Ganzes wird, dessen Aussage eine völlig andere ist, ist oftmals überraschend und manchmal erschreckend. Genau so geht es uns allen – sowohl Psychiatern und Psychotherapeuten als auch Angehörigen, Freunden, Nachbarn und Arbeitskollegen – wenn wir das seelische Leid, die psychische Belastung eines Menschen einmal von ganz oben betrachten. Einmal das große Ganze sehen und nicht nur den kleinen Ausschnitt, der von häufig unverständlichen und merkwürdigen Symptomen und Befunden gekennzeichnet ist. Weinen, Antriebslosigkeit, Traurigkeit, aber auch Unruhe, Kaufrausch, Stimmenhören oder Verfolgungsgefühle erleben – das alles sind die offensichtlichen Aspekte, gewissermaßen die Details und Bildausschnitte. 

Doch seelische Gesundheit oder Krankheit bedeutet so viel mehr. Es beinhaltet eine Einbindung in soziale Strukturen oder eine Ausgrenzung, eine Ablehnung oder Annahme der Person, eine Wahrnehmung des Gefühls des Einzelnen oder ein Wegsehen. Die Woche der seelischen Gesundheit sollte uns ein Anliegen sein, das große Ganze zu sehen, das jeder Einzelne verkörpert, auch wenn uns kleine Details (negativ) beeindrucken. Denn dadurch können wir erkennen, dass im großen Bild viel mehr Details verborgen sind – und auf einmal finden sich Gemeinsamkeiten zwischen Menschen, die eigentlich so unpassend schienen. Betroffene, deren seelische Gesundheit nicht so ganz auf der Höhe zu sein scheint, dürfen nicht auf diesen einen Aspekt reduziert werden. Und alle anderen, denen das Thema eher fremd und nicht sie selbst betreffend erscheint, können dadurch ganz leicht erkennen, dass es gar nicht so fern liegt, dass auch in ihrem Bild das eine oder andere Detail Auffälligkeiten zeigen könnte. Denn jeder Mensch besteht aus einem großen Ganzen mit vielen einzelnen, individuellen Details. 

Wir sollten uns also bemühen, bei der Würdigung von seelischer Gesundheit oder dem Fehlen dieser Gesundheit weniger kritisch die einzelnen Details zu interpretieren, die uns vielleicht doch in die Irre leiten, als vielmehr das ganze Bild zu betrachten und zu erkennen, dass wir selbst viele Bezugspunkte haben. 


 

Auf unserem Instagram-Kanal erklärt unsere Psychologin Saskia Blömeke in der Aktionswoche vom 12. bis zum 16.10. jeden Tag eine kleine Übung, um der eigenen seelischen Gesundheit ad hoc etwas Gutes zu tun.


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