Die Jungen werden irgendwann die Alten sein

15.06.2020

Zum Welttag gegen die Misshandlung älterer Menschen

Sicher haben sie nicht immer alles richtig gemacht. Nein, im Gegenteil, die Menschen, die wir heute als „ältere“ oder „alte“ Menschen bezeichnen, haben Fehler gemacht. Aus unserer heutigen Sicht würden wir den einen oder anderen Fehler sogar als schwerwiegend bezeichnen. Sie haben Fehler gemacht, die anderen Menschen Schaden zugefügt haben. Sie haben Fehler gemacht, die vielleicht den einen oder anderen von den heute noch jüngeren Menschen verletzt haben. Manchmal sind Fehler passiert, die nicht wieder gut zu machen sind.

Die Jungen werden irgendwann die Alten sein – wie wollen wir dann behandelt werden?

Es war einmal ein alter Mann, der lebte, weil es allein nicht mehr gut ging, bei seiner Schwiegertochter und seinem Sohn. Doch auch dort war es nicht einfach. Er konnte nicht mehr gut sehen, sich nicht mehr gut bewegen und das Essen war eine Zumutung - er schlabberte und sabberte. Dann ließ er auch noch das Porzellangeschirr fallen und es ging zu Bruch. Sein Sohn schnitzte ihm einen Holznapf und ließ ihn mit einem Holzlöffel essen. Irgendwann kam der Sohn des alten Mannes, welcher selbst Vater war nach Hause und sah, dass sein eigener Sohn, ein kleiner Junge, dabei war aus einem Holzstück etwas zu schnitzen und er fragte, was das denn werden würde. „Oh, ich mache nur schon mal einen Napf für Dich, damit ich ihn Dir geben kann, wenn Du mal alt bist“ war die Antwort. Da bemerkte der Vater, dass er den Großvater missachtet hatte, sich auf seinen eigenen Vater nicht mehr einlassen konnte und dessen altersbedingte Schwächen nicht mehr hatte tragen wollen.

Heute, am Welttag gegen die Misshandlung älterer Menschen kommen solche Bilder unweigerlich in den Kopf. Alte Menschen sitzen zuhause, werden missachtet, nicht mehr wahrgenommen, allein gelassen. Oder sie „dürfen“ in der Familie der Kinder leben, werden dort aber auch nicht geschätzt und respektiert. Das Phänomen der Missachtung und Misshandlung älterer Menschen ist seit etwa 20 Jahren auch in der psychiatrischen und psychotherapeutischen Forschung ein Thema. Doch leider finden sich wenig öffentliche Wahrnehmungen, wenig öffentliche Resonanzen zu diesem Thema. Es ist zugegebenermaßen stigmatisiert, dass die eigenen Kinder grob zu einem sind, schlagen, treten, quälen und missachten. Es ist peinlich zuzugeben, dass man selbst das Bedürfnis hat Liebe und Zuneigung zu spüren und dann doch nur genervte Ablehnung erlebt. Wem sollte man das auch sagen, gegenüber welcher Instanz sich öffnen? Alte Menschen haben keine Lobby.

Welcher alte Mensch wurde gefragt, ob er lieber im Kontakt mit seinen Angehörigen stünde – auch wenn das vielleicht zu einer Corona-Infektion und vielleicht zu seinem vorzeitigen Tod führen könnte – als von wohlmeinenden Verhaltensregeln in die Isolation gezwungen zu werden?

Die Misshandlung älterer Menschen wird oft mit deren Fehlern in einem früheren Leben begründet („meine Mutter war früher so gemein zu mir…“), wird oft mit wohlmeinenden Floskeln umschrieben („es ist doch nur zu seinem Besten, wenn wir das für ihn nun so entscheiden…“) oder einfach nur stillschweigend hingenommen. 

Leid und Fehler aus vergangenen Tagen werden nicht besser durch neues Leid und Fehler der neuen Generation in heutiger Zeit. Bevormundung und Wegdrängen sind Misshandlungen wie Schläge oder Wegschließen, wie Vergessen oder Übersehen. Heute ist der Tag im Jahr, der den alten Menschen gewidmet ist und der uns alle erinnern soll, dass Respekt vor der Lebensleistung älterer Menschen angemessen ist, eine faire Abrechnung durchaus auch ohne Gewalt und Misshandlung erfolgen kann und wir alle in nicht allzu langer Zeit selbst „alte Menschen“ sein werden. Wie wollen wir dann behandelt werden?

Basisinformationen: 

• Bei 1,9% aller Menschen über 65 wird körperliche Gewalt von Angehörigen, Pflegekräften und Vertrauten ausgeübt.
• Bei 1,8% aller Menschen über 65 Jahre wird psychische Gewalt ausgeübt.
• Einfach nur nicht wahrgenommen werden oder „vergessen werden“ passiert bis zu 4,6% aller Menschen über 65 Jahren (Vgl. u.a. Burnes, D. et al. (2015). Prevalence of and Risk for Elder Abuse and Neglect in the Community: A Population-based Study).