"Lieber jeden Tag ein bisschen für die Gesundheit tun, als eines Tages ganz viel gegen eine Krankheit"

Interview mit Arne Dahlke von der BKK VBU

14.05.2020

Wir haben uns mit Arne Dahlke, Referent für das Betriebliche Gesundheitsmanagement Region Nord bei der BKK VBU, unterhalten. Im Interview erklärt er, wie Prävention erfolgreich in Pflegeunternehmen wirken kann und wie coachforcare gemeinsam mit den Krankenkassen Pflegeunternehmen im Prozess guter Gesundheitsförderung unterstützen kann.

Herr Dahlke, was sind Ihre Aufgaben bei der BKK VBU und was haben Sie mit dem Bereich Pflege zu tun? 

Mein Aufgabenbereich umfasst klassisches Gesundheitsmanagement für Firmen, aber auch präventive Maßnahmen in nichtbetrieblichen Lebenswelten wie Schulen oder Kitas. Seit 2016 betreuen wir im Rahmen des „Pflegeeuros“ (Anm. d Red.: Siehe unten) verstärkt Mitarbeiter im Bereich Pflege. Mit dem Pflegeeuro, der durch das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG) 1 Euro pro Versicherten pro Jahr für Prävention in der Pflege vorschreibt, wird diese Berufsgruppe besonders in den Fokus gestellt. Meine Aufgabe ist es, diese Gelder einerseits gesetzeskonform, andererseits im besten Sinne des Betrachters einzusetzen, um die Gesundheit von Menschen zu fördern.

Was ist aus Ihrer Sicht dabei wichtig für ein erfolgreiches Gesundheitsmanagement in der Pflege?

Der Grundgedanke von betrieblichem Gesundheitsmanagement (BGM) ist die Prävention, also etwas zu tun, bevor klassische Krankheitsbilder wie Rückenschmerzen, Übergewicht oder Bluthochdruck entstehen. Doch hier liegt die größte Herausforderung, denn wie unter anderem der Virologe Christian Drosten ganz richtig anmerkt: „There is no glory in prevention“. Menschen neigen dazu, erst dann aktiv etwas für Ihre Gesundheit zu tun, wenn es schon „zu spät“ ist, also bereits eine Krankheit oder ein Problem besteht. Der Grundgedanke sollte aber sein, lieber jeden Tag ein bisschen für seine Gesundheit zu tun, als eines Tages ganz viel gegen eine Krankheit tun zu müssen. Das ist nicht nur viel anstrengender, sondern auch teurer. 

Dazu hat BGM ganz viel mit Individualität zu tun. Fakt ist, jeder Mensch ist anders, dies gilt auch für Firmen. Grundsätzlich sind zwar Maurerfirma X und Maurerfirma Y bzw. Bank X und Y in gewissem Maße vergleichbar, trotzdem gibt es individuelle Unterschiede von Firma zu Firma. Auch branchenübergreifend sind Belastungsmuster zwar ähnlich und es gibt bestimmte Belastungsmuster, die es in jeder Branche gibt, trotzdem bedarf es immer einer individuellen Betrachtung. 

Der Pflegebereich ist trotzdem eine besondere Situation, weil man dort eine Mischung aus verschiedenen Belastungsfaktoren vorfindet. In anderen Branchen gibt es meist hauptsächlich psychische oder physische Belastungen, aber im Pflegebereich findet man beides. Physische Belastung durch körperliche Anstrengung mit den Patienten, wie zum Beispiel das Umbetten und psychische Belastung durch die zu Pflegenden, die Angehörigen oder den Zeitdruck. Daher ist es im Bereich Pflege besonders herausfordernd, passende BGM-Lösungen zu erstellen.

Wichtig für ein erfolgreiches BGM in der Pflege ist daher ein Verständnis für die Pflege allgemein und darüber hinaus für die Mischung der Belastungsfaktoren. Außerdem natürlich ein Verständnis der gesetzlichen Strukturen.

Ein weiterer wichtiger Punkt für ein erfolgreiches BGM ist, dass man sich damit beschäftigt, wo die größten Probleme liegen. Am bedeutsamsten ist es dabei die Ursachen zu bekämpfen und nicht die Symptome. Wenn ich also zum Beispiel ausschließlich einen Entspannungskurs anbiete, bekämpfe ich damit lediglich das Symptom und nicht die Ursache.

Wo sehen Sie also den konkreten Bedarf in der Pflege?

Hier möchte ich bewusst keine Symptome aufzählen, sondern die Ursachen dafür, dass Pflegemitarbeiter häufig gestresst und unmotiviert sind oder, dass ihr Immunsystem geschwächt ist: Der erste Punkt ist auf jeden Fall die Wertschätzung der Arbeit. Also das, was uns schon seit Jahren beschäftigt und jetzt durch Corona erfreulicherweise nochmal einen Schub erfahren hat. Diese Wertschätzung muss aber auch durch den Arbeitgeber gezeigt werden, sowohl im Umgang, als auch monetär. Der zweite Punkt ist die Kommunikation untereinander. In Pflegeheimen herrschen oft noch klassisch hierarchische Formen. Das heißt die Kommunikation und auch die Informationsvermittlung sind eingeschränkt und somit fehlt es häufig an Verständnis und Wissen. Ein dritter Punkt ist das Thema Dokumentation. Diese läuft häufig noch mit veralteten Computerprogrammen und Excel-Tabellen in Papierform. Dabei passiert gerade hier im Bereich Digitalisierung so viel. Diese Innovationen können bewirken, dass man den Pflegeheimen hilft, die Dokumentation effizienter zu gestalten und damit einhergehend, dass das Stresslevel sinkt. Das heißt man bekämpft die Ursache. Natürlich gibt es noch viele andere Punkte, aber diese drei Ansätze betreffen sicher alle Bereiche im Pflegekontext.

Und wenn Sie den Bedarf in der Pflege auf die aktuelle Situation beziehen: Hat sich durch das Corona Virus etwas verändert?

Natürlich ist Corona ein unglaublicher Boost für die Anerkennung des Pflegeberufs, was ich auch sehr positiv finde. Und wir können froh sein, dass wir in diesen Zeiten in Deutschland leben dürfen, weil wir im Gegensatz zu anderen Ländern an vielen Stellen gut aufgestellt sind. Aber Stichwort „Klatschen für die Pflege“: Davon kann sich ein Mitarbeiter im Zweifel nichts kaufen. Also ist die spannende Frage: Was bleibt dann letztendlich für den einzelnen Mitarbeiter hängen? Das kann man jetzt noch nicht wirklich einschätzen. Im Bereich BGM sehen wir seit ein paar Jahren durchaus eine leichte Verbesserung der Gesundheitssituation, die Wertschätzung für den Pflegeberuf steigt intern wie extern und auch monetär gibt es positive Entwicklungen – Stichwort Tarifverträge. Auch hier sind weitere Anpassungen geplant. Was Corona bzw. die Entwicklung des Berufszweiges Pflege angeht, bin ich also vorsichtig optimistisch.

Angenommen ich möchte für mein Pflegeheim das betriebliche Gesundheitsmanagement angehen.
Welche Rolle nimmt eine Krankenkasse wie Ihre in diesem Prozess ein?

Wichtig ist mir, an dieser Stelle festzuhalten, dass die Pflegeeinrichtung in diesem Prozess immer die Richtung bestimmt. Die Rolle einer Krankenkasse sollte aus meiner Sicht die eines Begleiters sein, der berät und eine objektive Übersicht über die Möglichkeiten der Gesundheitsförderung und ihrer Chancen für die Einrichtungen gibt. Für den ein oder anderen ist BGM „hier mal ein Stresskurs“ und „da mal ein Rückenkurs“ und im Zweifel noch ein paar Äpfel – aber das stimmt eben nicht. Die Krankenkasse sollte dabei, auch gemeinsam mit den Gesundheitsanbietern, eine beratende und partnerschaftliche Rolle einnehmen. Und natürlich haben wir auch ein festgelegtes Budget - Stichwort Pflegeeuro.

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Welche Angebote im Bereich BGM werden denn beispielsweise von den Kassen finanziert?

Die finanzielle Unterstützung richtet sich nach §20 Sozialgesetzbuch V. Dort sind die vier Präventionsbereiche Bewegung, Ernährung, Stressprävention und Suchtprävention genauer umschrieben und mögliche Umsetzungsbereiche festgelegt. Das Format der Angebote kann ein Kursformat mit zertifizierten Trainern sein, Workshops oder Seminare und neuerdings auch Online-Formate. Also all das, was Menschen präventiv dabei unterstützt ihren Lebensstil gesünder zu gestalten. Für mich ist es wichtig, diese verschiedenen Bereiche bestmöglich miteinander zu verknüpfen, denn Gesundheit bedeutet immer ein Zusammenspiel von verschiedenen Faktoren. Deshalb finde ich Formate mit einem ganzheitlichen Ansatz besonders spannend.

Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG) von Anfang 2019 bekräftigt den Auftrag der gesetzlichen Krankenkassen, die betriebliche Gesundheitsförderung in Krankenhäusern, (teil-) stationären Pflegeeinrichtungen und ambulanten Pflegediensten zu stärken. Durch das Gesetz steht den Krankenkassen ein zusätzlicher Euro pro Versicherten pro Jahr zur Verfügung, der für die Prävention in der Pflege vorgesehen ist. Welche Möglichkeiten für eine betriebliche Gesundheitsförderung in der Pflege ergeben sich durch den „Pflegeeuro“?

Der Pflegeeuro richtet sich nach den gleichen gesetzlichen Vorgaben, die es auch für das allgemeine BGM-Budget gibt. Wir haben eine festgelegte Summe (die sich an der Mitgliederzahl der Kasse orientiert), die wir zur Gesundheitserhaltung in der Pflege ausgeben können. Aufgrund der besonderen Situation im Bereich Pflege sind hier, wie bereits angesprochen auch kreativere Lösungen wichtig.

Wie sieht der Prozess aus, um den Pflege-Euro sinnvoll einzusetzen und Maßnahmen zu starten? Wenn ein Pflegeheim einen konkreten Bedarf im Bereich BGM hat, welche Schritte gibt es aus Sicht der Einrichtung zu beachten?

Aktuell ist es noch häufig so, dass Einrichtungen erst reagieren, wenn gesundheitliche Probleme im größeren Maße auftreten. Wenn diese Einsicht vorliegt, wäre es aus meiner Sicht die beste Lösung, sich mit mehreren Krankenkassen auszutauschen, um den für sich am besten passenden Partner auszusuchen. Dabei sollte in der Entscheidungsfindung für den richtigen Partner neben dem Geld v.a. die Art der Herangehensweise, die Qualität der Beratung und der Umgang miteinander eine große Rolle spielen. Im Anschluss geht es um die ganzheitliche Analyse der aktuellen Situation. Dabei ist es wichtig, dass man nicht nur mit den Führungskräften spricht, sondern auch mit möglichst vielen Mitarbeitern, um verschiedene Sichtweisen zu verstehen und die Ursachen für gesundheitliche Herausforderungen zu erkennen. Wir als BKK VBU führen zum Start gerne zwei bis drei kleinere Maßnahmen durch, um das Bewusstsein für das Thema Gesundheit zu fördern und die Mitarbeiter zum Nachdenken anzuregen („Was ist für mich Gesundheit und was ist mir wichtig?“). So gehen wir zum Beispiel gemeinsam mit dem NPZ und dem Angebot coachforcare vor. Neben der Bewusstseinsförderung ist dies auch eine tolle Möglichkeit, sich kennenzulernen, um zu schauen, ob und wie es für eine langfristige Partnerschaft passt. Sollte dies der Fall sein, beschließt man anschließend eine längerfristige Zusammenarbeit, ein Jahr erweist sich hier als guter Zeitfaktor zur Planerstellung. Wichtig ist es, einen roten Faden zu finden und zwischendurch alle Maßnahmen auf Erfolg bzw. Misserfolg zu testen, um die Angebote laufend den aktuellen Gegebenheiten anzupassen.

Lieber Herr Dahlke, vielen Dank für Ihre Gedanken und den Austausch. Das klingt nach spannenden Herausforderungen, mit denen Sie täglich zu tun haben. Und es scheint, es gibt wirklich noch viel zu tun in der Gesundheitsförderung für die Pflege. Zum Abschluss haben wir noch eine persönlichere Frage: Angenommen Sie könnten eine Nachricht auf das Titelblatt einer Zeitschrift, die ALLE Pflegmitarbeitenden in Deutschland lesen, drucken. Was würde das sein?

Ich denke, jeder Mensch sollte stolz sein auf das, was er tut. Und gerade im Pflegebereich gibt es so viel, auf was man stolz sein kann: Man hilft Menschen, ist ein Unterstützer und ermöglicht Menschen, ein würdiges Leben trotz Einschränkungen zu führen. Ich würde also schreiben „Seid stolz auf das, was ihr tut!“